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Die Geschichte der Frühstückszwerge – unser Oberzwerg im Interview :)

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Impulse

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Der Stehaufzwerg

Marcel Pölzl hatte keinen Schulabschluss, war drogenabhängig und arbeitslos. Dann wurde er Unternehmer – schuf aus dem Nichts Deutschlands größten Frühstückslieferdienst.

In die Arme von Marcel Pölzl hat das Leben seine Spuren graviert. Eine vernarbte Vene in der rechten Armbeuge markiert die Stelle, an der er sich Crystal Meth, Ecstasy und Speed ins Blut spritzte. Das war der alte Marcel. Auf seinen Unterarmen prangt in fetten Buchstaben das Motto des neuen: „Bereit sein ist viel, warten zu können ist mehr, den richtigen Augenblick zu nutzen ist alles“.

Der Satz ist so tätowiert, dass man ihn lesen kann, wenn Pölzl die Arme verschränkt. Es ist sein Fahrplan zum Erfolg. Pölzl hat ihn Wort für Wort befolgt und damit den größten Frühstückslieferservice Deutschlands aufgebaut. Wenn er davon erzählt, stellen sich die Härchen an seinen Armen auf. Er unterbricht seinen Wortschwall, guckt auf den rechten Arm, als würde er die Uhrzeit ablesen, und sagt: „Da krieg ich sofort ´ne Gänsehaut“.

Marcel Pölzl ist jetzt 34 Jahre alt. Die Hälfte seines Lebens war er drogenabhängig und viele Jahre arbeitslos. Im Herbst 2008 gründete er mit seiner damaligen Freundin ein Unternehmen, das aus wenig mehr bestand als einem Bollerwagen und einer Zipfelmütze: die FrühstücksZwerge.

Heute, knapp zehn Jahre später, hat es ihn reich und clean gemacht. Die FrühstücksZwerge dürften einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag wert sein. Pölzl hat Deutschlands größten Frühstückslieferdienst erschaffen.

Er liebt Autos und er liebt Pathos: „Ich bin ein Typ, dem schlägst du morgen den Schädel ein, und übermorgen steht der wieder auf“, sagt er. Das glauben wahrscheinlich viele von sich, doch Pölzl hat es bewiesen. Seine Geschichte handelt von Liebe und Trennung, von Reichtum und Armut, von Gier und Glück – von Steuerschulden und Insolvenz.

Aufgewachsen im sächsischen Frankenberg, verlässt er die Schule nach der achten Klasse ohne Abschluss. Als er 15 Jahre alt ist, trennen sich seine Eltern. Weil er sich nicht zwischen Mutter und Vater entscheiden will, zahlen sie ihm die Miete für eine Wohnung in Dresden. Vier Jahre ist er bei der Bundeswehr, danach schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs durch und rutscht in die Skinhead-Szene. Mit 24 Jahren lebt er von Hartz IV: 346 Euro im Monat plus Wohnung. Er kennt Leute, die ihm für lau besorgen, was er sich spritzt und durch die Nase zieht. Pölzl sagt: „Die Drogen waren mir wichtiger, als Wasser zu trinken. Ich war im Prinzip ´n Asi.“

Im Rausch brütet sein Gehirn eine Fantasie aus: Er will Millionär werden, und zwar schnell. Er ist verrückt genug, daran zu glauben, und fängt sofort damit an. Ein Freund erzählt ihm, dass er in den 90er-Jahren mal Frühstück aus dem Auto verkaufte und kitzelt damit Pölzls Unternehmergeist. Tageweise stellt er sich in die Fußgängerzone und zählt Menschen. 40 000 potenzielle Kunden kommen im Laufe des Tages vorbei. Er rechnet sich aus: Wenn er an jedem einen Euro verdient, hat er in einem Monat die erste Million. Gänsehaut.

Bespuckt, beklaut – und durchgehalten

Es dauert dann doch ein bisschen länger. Zusammen mit seiner Freundin gründet er ein Unternehmen als Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR). Sie beantragen einen Existenzgründerzuschuss und stehen fast drei Jahre lang unter der Woche um 2 Uhr auf. Sie schmieren Brötchen und packen sie in Papiertüten. Dazu Obst, Joghurt, ein Getränk und etwas Süßes. Von 5.30 bis 9.30 Uhr steht Pölzl mit einem Bollerwagen an der Tramhaltestelle am Bahnhof Dresden-Neustadt. Er trägt eine grüne Zipfelmütze und sagt zu den Leuten: „Schönen guten Morgen, ich bin der Frühstückszwerg, wollen Sie bei mir eine Tüte kaufen?“ Doch die Leute wollen bei ihm nichts kaufen. Sie misstrauen dem 1,86-Meter-Typen mit eingefallenem Gesicht, der behauptet, ein Zwerg zu sein. Sie wollen ihre Ruhe. Aber Pölzl ist hartnäckig.

Sie zerstechen ihm die Reifen des Bollerwagens. Am nächsten Morgen steht er wieder da.

Sie bestehlen ihn, bespucken seine Brötchen. Am nächsten Morgen steht er wieder da.

Sie lachen ihn aus. Er bildet sich ein, sie würden ihn anlachen. Und am nächsten Morgen steht er wieder da. Wind und Regen, Schnee, Spott und Spucke können ihn nicht vertreiben.

„Ich habe immer gesagt, ich verkaufe mal hunderttausend Tüten, obwohl ich die Brötchen am Anfang jeden Tag selbst aufessen musste“, sagt Pölzl. Montags bis freitags schläft er kaum. Die Drogen treiben ihn an und halten ihn wach.

Wenn Pölzl heute an die Haltestelle zurückkehrt, warten überall Erinnerungen. Er kennt jede Fliese, jede Glasplatte und jedes Geländer. Er zeigt den Laternenmast, an den er die Deichsel des Bollerwagens lehnte. Er zeigt auf den Mülleimer gegenüber. Dort steht eines Tages, gegen Ende seiner Mützenjahre, eine Frau und wartet auf die Bahn. Sie überquert die Gleise und kauft ihm eine Frühstückstüte ab. „Nicht wegen der Brötchen, sondern weil du durchhältst“, sagt sie zu ihm. Gänsehaut.

Plötzlich Vorbild

Pölzl würde vielleicht noch immer an der Haltestelle stehen, wenn nicht zwei Anrufe sein Leben verändert hätten.

„Ich saß gerade auf´m Pott“, feixt er, „da klingelte mein Handy“: RTL will eine Dokumentation drehen über ihn und seine Freundin. Anfang 2011 läuft der Beitrag in der Reihe „Mitten im Leben“. 45 Minuten Ruhm für Pölzl und die FrühstücksZwerge. Pölzl ist ein Sprücheklopfer und Charmeur, er flirtet mit der Kamera und fasziniert die Zuschauer. Am Tag nach der Ausstrahlung melden sich Menschen aus ganz Deutschland bei ihm, weil sie Frühstückszwerge werden wollen, so wie er. Das ist eine neue Erfahrung für Pölzl: Plötzlich ist er ein Vorbild. Die Menschen wollen ihm nacheifern. Er hat nichts dagegen, aber auch keinen Plan, wie das anzustellen wäre.

Die Antwort liefert ein zweiter Anruf, der ein noch größerer Glücksfall ist als der erste. Am Telefon ist Jan Linnemann, Namenspartner in einer großen sächsischen Kanzlei, der den TV-Beitrag gesehen hat. Er sagt zu Pölzl: „Wenn du genau machst, was ich dir sage, dann wird dein Unternehmen groß.“

Linnemann lädt ihn zu sich ein. Er hat drei Papierstapel vorbereitet: eine Reservierungsvereinbarung, einen Lizenz- und einen Kooperationsvertrag. Später schreiben die Anwälte Pölzl auch noch einen Businessplan, obwohl sie an ihm zunächst nichts verdienen. Der Deal: Wenn Pölzl die FrühstücksZwerge eines Tages verkauft, wird die Kanzlei am Gewinn beteiligt. Heute vertreten sie ihn gegen Honorar auch in rechtlichen Fragen. Damals tragen die Anwälte eine Marke ein und tanken Pölzls Renault voll. Er geht auf Deutschlandtour und sammelt Unterschriften: Düsseldorf, München, Frankfurt, Hamburg – sogar in Graz will ein Jungzwerg unter seiner Lizenz arbeiten. Es sind Studenten, junge Selbstständige, Glücksritter wie Pölzl. Weil nicht klar ist, wie die Geschäfte laufen werden, verpflichtet sich jeder der Existenzgründer, 350 Euro Grundgebühr im Monat zu zahlen, unabhängig vom Umsatz.

Auch das Geschäftsmodell verändert sich zu dieser Zeit, weil die meisten Städte keinen Verkauf an Haltestellen erlauben. Pölzl und seine Freundin haben sich deswegen eine Alternative überlegt: Sie verkaufen stattdessen Frühstück in Firmen – eine riesige Marktlücke, wie sich herausstellt: Ende 2011 haben sie 18 Lizenznehmer, die in 27 Städte liefern. Jeder von ihnen hat einmalig 15 000 Euro gezahlt und dafür eine FrühstücksZwerge-Ausrüstung bekommen: Werbematerial, Tüten, Platten und natürlich die grüne Zipfelmütze. Ein Bekannter, der sich im Marketing auskennt, hilft beim Organisieren und Verteilen der Ausrüstung.

Es gilt Mützenpflicht

Die Mütze muss auch jeder seiner Lieferanten tragen, sonst fliegt er aus dem System. Pölzl hat die Demütigung, für sein Kostüm ausgelacht zu werden, nicht vergessen. Wer sich im Bewerbungsgespräch weigert, eine Zipfelmütze aufzusetzen, hat keine Chance. „Bei mit gilt: Mütze. Über. Alles“, sagt Pölzl. Denn erst durch sie wird ja der Mensch zum Zwerg. Und das Zwergsein ist der Markenkern der FrühstücksZwerge, auf den alles abgestimmt ist. Die Kunden sollen lachen über die Zwerge, weil sie sie dann in Erinnerung behalten. Die Flyer sehen aus wie Märchenbücher und die Frühstücksplatten heißen Kräutergarten oder Zauberwald.

Dass es im Leben anders läuft als im Märchen, muss Pölzl im Jahr 2012 lernen. Damals geht die Beziehung mit seiner Freundin in die Brüche und sie will sich auszahlen lassen. Die Gründung der GbR nennt Pölzl heute den größten Fehler seines Lebens. „Die wollte mich fertigmachen“, sagt er. Zwei Jahre dauert der Rechtsstreit, dann steht die Summe fest. Pölzl erleidet einen Herzinfarkt. Das Unternehmen ist zwar wertvoll, aber nicht liquide genug, um Pölzls Freundin zu bezahlen – zumal auch das Finanzamt hohe Forderungen stellt.

In den nächsten Monaten kann er seine Steuerschulden nicht begleichen. Es laufen noch heute Gerichtsverfahren, deswegen will er nicht ins Detail gehen. Fakt ist: Er ist pleite und schuldet dem Staat viel Geld. Normalerweise wäre das ein Grund, die Firma zu zerschlagen, aber Pölzl rettet seine Zwerge, indem er in die Privatinsolvenz geht. Und er kann den Richter überzeugen, dass er den Betrieb behalten darf.

Sommerloch, Pleite, Privatinsolvenz

Kein Wunder, denn das Geschäft brummt: Google, Bayer und die Deutsche Bahn ordern regelmäßig Frühstücksplatten. Seine Lizenznehmer in Düsseldorf fahren im Porsche durch die Stadt. Pölzl und seine Partner sind so berauscht vom Erfolg, dass sie ihre Schwächen übersehen: Ihr Problem ist von Beginn an das Sommerloch. Wenn die Firmen auf Sparflamme laufen und überall Ferien sind, gibt es kaum Bestellungen. Immer wieder gehen Lizenznehmer pleite, die nicht vorausschauend gewirtschaftet haben.

2013 trifft es besonders viele: 14 seiner 15 verbliebenen Standorte schaffen es nicht über den Sommer. Ein paar geben auf. Andere geben Pölzl die Schuld und schließen sich unter einem anderen Namen zusammen. Wieder hat er einen Herzinfarkt. Dass sich Menschen gegen ihn wenden, die durch ihn ihr Geld verdienen, trifft ihn tief. Zum zweiten Mal muss er sein Geschäftsmodell umkrempeln, obwohl er Kunden und eine etablierte Marke hat.

Zu dieser Zeit fangen die Discounter an, im großen Stil Backautomaten aufzustellen. Pölzl erfährt früh davon und versteht, dass das die Existenz vieler Bäckereien gefährdet. Er beauftragt ein Callcenter, Tausende Bäcker und Fleischer durchzutelefonieren und ihnen einen Deal anzubieten: Sie bekommen die infolge der Insolvenzen verwaisten Aufträge der alten Kunden. Dafür übernehmen die FrühstücksZwerge das Marketing, die Auftragsvergabe, Qualitätsmanagement, Rechnungsstellung und Mahnwesen. Im Gegenzug zahlen die Bäcker je nach Standort 10 bis 15 Prozent Provision auf ihren zusätzlichen Umsatz.

Einer von ihnen ist Karsten Berning, Inhaber einer Bäckerei in Berlin-Schöneberg. Als er vor vier Jahren Frühstückszwerg wurde, musste er einen neuen Mitarbeiter einstellen, um die Aufträge zu bewältigen. Im Schnitt akquiriert er über die FrühstücksZwerge etwa zwei Bestellungen à 120 Brötchen am Tag. Komplett kann er die Verluste an die Discounter-Konkurrenz nicht ausgleichen, aber es hilft.

Als er Pölzl kennenlernte, war Berning skeptisch: „Mein erster Gedanke war: Okay, der hat ´ne Meise, aber ich war auch neugierig auf den Typen.“ Pölzl redete ununterbrochen und konnte keine fünf Minuten stillsitzen. Berning fand ihn skurril, aber sympathisch. Und weil er von Kollegen nur Gutes über Pölzl hörte, unterschrieb er. „Marcel hat die Gabe, Menschen für sich einzunehmen und zu begeistern.“

96 000 Euro Umsatz? Geil, machen wir

Mehr als 680 meist inhabergeführte Bäckereien, Fleischereien und Caterer arbeiten mittlerweile für Pölzl. Die FrühstücksZwerge sind Frühstücksriesen geworden und sie expandieren weiter: ins Mittagsgeschäft, ins Burgergeschäft, in neue Städte, in Messen, Meetings, Kantinen und Kindergärten. In Hunderten Postleitzahl-Gebieten sind sie vertreten. Pölzl behauptet, jede dieser Postleitzahlen im Kopf zu haben – und durch wen er sie beliefern lässt. Er trägt gern dick auf. Aber man kann ihn testen: „Hendrik?“, er dreht sich um und brüllt in den Flur, „in 50823 Köln liefert der für uns aus: Torten-Taxi Köln, richtig?!“ – „Korrekt!“, kommt es aus dem Nachbarbüro zurück.

Pölzl ballt die Faust, lässt sich abklatschen. Zwergsein bedeutet für ihn auch, in einem Millionenunternehmen einen familiären und spielerischen Umgang beizubehalten: „Ich bin eigentlich nur ein Player und das Unternehmen ist meine Spielwiese. Aber ich habe Menschen, die mich davon abhalten, Fehlentscheidungen zu treffen. Mit denen arbeite ich sehr eng zusammen. Die wissen, wann der Marcel mal kotzen geht und wenn er aufs Klo muss.“

Pölzl mag besessen sein und ein Zocker, aber er hat einen Instinkt dafür entwickelt, zur richtigen Zeit auf die richtigen Leute zu hören. Vor Kurzem trudelte abends eine Riesenbestellung ein: Ein Kunde wollte sich am nächsten Morgen 20 000 Frühstückstüten liefern lassen. Pölzl dachte: 20 000 Tüten sind 96 000 Euro Umsatz. Geil, machen wir.

Auf keinen Fall, sagt Anke, die er „meine Geldfrau“ nennt. Pölzl hatte keine Ahnung, dass man über Nacht nicht einfach so an 20 000 Schokoriegel kommt, selbst wenn man noch so viele Zipfelmützen auf dem Kopf hat. Aber Anke wusste: Das ist nicht zu schaffen. Und weil der Marcel seinen Mitarbeitern zugesteht, mehr Ahnung zu haben als er selbst, sagten sie die Bestellung ab.

Seine Berater haben ihm auch die Drogen ausgeredet. Sie machten ihn kreativer, aber sie machten ihn auch zum Risiko für die Firma. Einer seiner Anwälte sagte zu ihm: Wenn du nicht aufhörst, wirst du das Unternehmen an die Drogen verlieren. Das saß. Pölzl wurde clean, mit der gleichen Konsequenz, mit der er alles in seinem Leben getan hat: Er hörte einfach auf. Er raucht noch und trinkt vier Bier am Tag, weil sonst die Ideen in seinem Kopf nicht aufhören zu kreisen und der Tatendrang ihm den Schlaf raubt. Die Arbeit ist seine Ersatzdroge.

Es ist unwahrscheinlich, dass Marcel Pölzl alt werden wird. Wenn er so weitermacht, wird er die 40 kaum schaffen, sagt sein Arzt. Nach seinem zweiten Herzinfarkt ließ er sich wieder einen Spruch tätowieren, dieses Mal quer über die Brust: „Wie lange ich lebe, liegt nicht in meiner Macht. Dass ich aber, solange ich lebe, wirklich lebe, das hängt von mir ab.“

Manchmal denkt er daran, was er in seinem Leben geleistet hat. „Wenn ich sterbe, möchte ich dafür gesorgt haben, dass viele Menschen sich neue Autos kaufen können oder in den Urlaub fahren.“ Nicht schlecht für einen, der vor zehn Jahren selbst kaum genug zum Leben hatte.

Quelle: Impulse-Magazin 07+08/2018

Text: Ole Pflüger / Foto: Jürgen Lösel

 

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